Liebe Julia …

Autor: Marie Pohl

Liebe Julia,

Du fragst, wie es mir in New York geht, und ob ich Angst habe?

Meine Nachbarin im sechsten Stock, eine japanische Malerin, sitzt jede Nacht am Fenster und zählt wie viele Krankenwägen vorbeifahren.

Gestern 37. Vorgestern 57. Vorvorgestern 49.

Die aktuellen Zahlen von New York liegen heute – Montag – 4ter Mai 2020 – bei 323,883 infizierten Menschen und 24,648 Toten. Höher als in Spanien. Höher als in Italien. Höher als in jedem anderen Land der Welt. Die New York Times berichtet, seit dem 11.März sind außerdem knapp viertausend Menschen an anderen Krankheiten gestorben, weil man sie, von der Covid19- Pandemie überfordert, entweder nicht behandeln konnte, oder sie sich aus Angst vor dem Virus nicht ins Krankenhaus trauten.

24,648 Tote im Staat New York.

Meine Nachbarin im sechsten Stock verlässt die Wohnung nicht. Sie lässt sich alles liefern. Wir telefonieren. Mittags. Nach der täglichen Pressekonferenz des New Yorker Gouverneurs. Er beginnt immer mit den neusten Zahlen von Krankenhauseinweisungen, Neuinfektionen und Todesfällen. Die Formen der Graphiken, die er zeigt, gleichen den Formen von Meereswellen. Hoffnung. Seit ein Paar Tagen macht er Hoffnung. New York hat den Wellenberg überwunden. Wir befinden uns leicht unterhalb des Wellenkamms und gehen auf das Wellental zu. Kurz: Die Kurve sinkt. Die Quarantäne-Maßnahmen wirken. Aber unsere „Pause“ dauert noch bis 15.Mai an. Meine Nachbarin glaubt, es wird alles viel, viel länger dauern und zählt nachts die Sirenen.

Gestern 49. Vorgestern 37. Vorvorgestern 57. Du fragst, ob ich Angst habe.

Du fragst, wie es mir geht.

Ich weiß nicht genau, wie es mir geht.

Ich komme in diesen Zeilen erstmals an die Wasseroberfläche und schnappe nach Luft.

Ich wollte Dir längst geantwortet haben. Du schriebst mir Mitte März. Heute ist schon Ende April. Die Zeit rast in diesen verlangsamten Tagen ungewöhnlich schnell dahin. So viel passiert. Ich kann kaum das viele Geschehen verdauen, das Wahrgenommene reflektieren. Ich will versuchen, Dir ein Bild zu machen, von dem Wirrwarr, der mich umgibt. Verzeih mir, wenn es vielleicht verschwommen ist …

Mitte März war ich, wie Du weißt, in New York und schrieb an meinem Roman und bereitete mein neues Theaterstück vor, das ich im April in Duisburg inszenieren sollte. Die Proben wurden erst verschoben, dann abgesagt. Ich wusste nicht recht, soll ich in New York bleiben oder zurück nach Deutschland fliegen? Die weltweiten Corona-Meldungen beunruhigten mich. Am 13. März erließ der amerikanische Präsident das Einreiseverbot von Europa nach Amerika. Meine Eltern waren in Berlin. Meine Schwester hier. Ich wollte sie nicht alleine lassen.

Der Gouverneur von New York drehte den Ausgangssperrungs-Hahn zögerlich zu, wehrte sich noch gegen die totale Schließung, als sie bereits in Kalifornien und Washington State eingetreten war. Für uns bedeutete das: quälende Unsicherheit. Tag für Tag eine neue Verordnung, Tag für Tag ein weiterer Rollladen, der runterratterte. Erst sagte er die großen Veranstaltungen ab, dann schloss er die Bars, Universitäten, Schulen, Gyms. Die Maßnahmen wurden langsam strenger. Die Warnungen langsam lauter. Bis es plötzlich hieß: Das Virus kommt. Das Virus kommt. Wie auf eine große Welle im Meer wurde auf die anrollende Gefahr gezeigt. Bringt euch in Sicherheit. Schützt euch.

Dutzende Freunde verließen panisch New York. Bloß weg. Raus aus der Stadt. Nach Upstate in die Berge. Mit dem letzten Hampton Jitney nach Long Island. Bloß weg. Bevor die Welle bricht und wir ertrinken … Das Weltunheil Covid19 wird in der Weltstadt New York die Weltbühne betreten.

Meine Freundin Nina warnte mich bereits im Februar. Sie ist Hutmacherin. Russin. Vor sieben Jahren verkaufte sie ihre Hüte noch auf einem Klapptisch auf der Straße, heute gehören ihr drei große Geschäfte in New York. Sie schrieb mir, ich sollte Vitamin C einnehmen, mir sorgfältig die Hände waschen, nicht zu nah an Leute herangehen, Abstand halten. „In New York sind alle infiziert. Glaub mir. Du wirst es sehen, sobald sie anfangen zu testen.“ Ihren Verkäuferinnen gab sie Handschuhe und Reinigungstücher.

Ein Stammkunde trat ein. Nina hat die schöne Leidenschaft, für jeden den perfekten Hut zu finden. Für ihn fand sie einen Borsalino, eine Fedora aus Pelz-Filz in Heidelbeerblau. Für 325 Dollar. Und eine günstigere Woll-Filz Variante in einem helleren Azurblau. Für 120 Dollar. Beide Hüte saßen perfekt. Der Borsalino war natürlich feiner, eleganter, leichter … nahezu schwebend. Und das Hutband karminrot. Der Mann zog ein Paar lose Geldscheine aus seiner Hosentasche. 250 Dollar legte er hin: „Mehr hab ich nicht. Das ist mein letztes Geld. Wer weiß, wann ich wieder eins verdiene.“

Sie gab ihm den Borsalino für 230. Nina ging sonst nie mit dem Preis runter. Auch nicht für Stammkunden.

„Von den restlichen 20 Dollar kaufen Sie Blumen für Ihre Frau“, sagte Nina und schenkte ihm zum Abschied auch eine Feder.

„Warum leistet man sich in Tagen der Ungewissheit einen teuren Hut?“, fragte ich.

„Von meinem letzten Gehalt“, lachte er, „kaufe ich mir lieber einen Hut als irgendeine blöde Rechnung zu bezahlen. Wenn die Krise ausbricht und wir alle verarmen, dann trag ich wenigstens den schicksten Hut von Harlem.“

Er steckte die Feder in das rote Hutband, und wir wünschten einander viel Glück. Dann kam ein junger Arzt rein. Er arbeitete in einem Krankenhaus auf Long Island. Der hielt das ganze Virus-Getue für übertrieben. In ein paar Wochen sei Corona Schnee von gestern. Er hatte noch nie einen Hut besessen, war zufällig vorbeigelaufen. Für ihn suchte Nina einen Stetson aus. Er war vom Typ mehr Cowboy als Jazzer. Dem Arzt gefiel der Look. Nur konnte er sich nicht entscheiden. Weiß? Oder grau? Er rief seine Mutter an.

Mir gefiel der graue besser. Mir gefiel auch der Mann ganz gut. Nina  bemerkte es und versuchte uns während der sich ewig hinziehenden Farb- Debatte zu verkuppeln. Schließlich hörte der Arzt aber auf seine Mutter und kaufte den weißen Stetson. Damit war für mich der Flirt vom Tisch…

Julia, stell Dir vor, sieben Jahre lang hatte Nina ihre Hutläden nur an einem einzigen Tag geschlossen. Als der Hurrikan Sandy durch die Stadt tobte. Einen Tag. Sonst waren ihre Geschäfte immer geöffnet! An Weihnachten! Am ersten Januar! Trotz Schneestürmen und Stromausfällen. Immer auf! Und jetzt? Seit einem Monat dicht. Die Sommerhüte in Kisten im Lager … Den letzten Hut verkaufte sie dem hübschen Arzt … Ein weißer Stetson…

Ich werde sentimental. Der letzte Hut! Aber so war die Stimmung in jenen Märztagen: Endzeit-Gefühl. Und wir wussten nicht, was uns erwartete.

Meine Schwester und ich verabschiedeten eine gemeinsame Freundin, die in Berlin lebt. Sie war zu Besuch in New York mit ihrem Mann. Im siebten Monat schwanger. Wir trafen sie kurz bevor sie ins Flugzeug stieg. Sie hatte umgebucht. „Ich will nicht hier ins Krankenhaus müssen.“ Sagte sie. „Das sind Zustände wie in der dritten Welt. Ich war bei einem Gynäkologen vor einer Woche und dachte, ich bin im Steinzeitalter! Wenn ich das mit den deutschen Krankenhäusern vergleiche. Nein danke.“

Tage der Abschiede. Auch von meinem Cousin Stefan Brecht, der ein Schokoladen-Geschäft führt, wo ich so gerne plauderte. „Pass auf dich auf. Wir telefonieren.“

Tage der Abschiede. Endzeit-Gefühl. Und wir wussten nicht, was uns erwartete.

Meine Schwester war besorgt. Sollten wir auch zurück nach Deutschland fliegen?

Ich rief einen Bekannten an, einen deutschen Forscher, der im Mount Sinai Krankenhaus im Labor arbeitet. „Geht nach Deutschland. Hier ist es unberechenbar.“ Riet er. Seit seinem Medizinstudium vor 20 Jahren hatte er nicht als Arzt praktiziert. Er ist Labor-Forscher. Jetzt fragte ihn das Krankenhaus, ob er bereit war einzuspringen, wenn ihnen das Personal ausgeht. „Fliegt nach Deutschland, Marie.“ Wiederholte er eindringlich. „Da seid ihr sicherer.“

Sein Mitbewohner ist Kubaner. Der kochte Wasser mit Zitronenschalen und seufzte. Er teilte sein Zuhause mit einem Mann, der abends aus dem Krankenhaus nachhause kam.

Wir lasen die Berichte aus Italien und Spanien. Die vielen Toten. Wohin? Mit uns?

Die Virus-Welle wirkte so hoch, so gefährlich, und so ungeheuer unerklärlich.

Mein Kumpel Jonathan, ein ständig um seine Existenz kämpfender Schauspieler, packte die Koffer. Er hatte gerade seine erste Rolle am Broadway ergattert, eine winzige Rolle ohne Text, aber immerhin Broadway! Pro Woche 1200 Dollar. Bis Juni engagiert. Jetzt war der Broadway dicht.

„Ich fahre zu meiner Familie nach Houston, Texas. Dort muss ich nicht mit anderen Küche und Bad teilen, dort hat meine Schwester ein extra Häuschen. Hier werde ich krank. Marie. Die Stadt ist voller infizierter Menschen! Sieh zu, dass du rauskommst.“

Aber Jonathan war bereits infiziert und schleppte das Virus mit nach Texas. In der Nacht seiner Ankunft brach er zusammen mit Schüttelfrost und Hustenanfällen.

Sollten wir auch fort? Und was, wenn wir, wie Jonathan, schon  infiziert  waren und es nicht wussten? Und im Flugzeug und am Flughafen andere infizieren würden? Oder in Berlin unsere Eltern? Mein Vater ist Diabetiker. Wir machten uns sowieso schon große Sorgen.

Wir liefen durch die von Stunde zu Stunde leerer werdenden Straßen. Die Geisterstraßen. Den West Side Highway hinauf. Am Hudson River entlang. Es war der 30zigste März. An jenem Montag traf das USNS Comfort am Hafen von New York ein. Das große Militärschiff. Ein Krankenhaus-Schiff mit eintausend Betten. Wir liefen zur Anlegestelle und lugten durch den Absperrungs-Zaun. Viele Neugierige hatten sich dort versammelt. Auch viele Fotografen und Journalisten. Ein kleinwüchsiger Mann stand auf einer Holzkiste vor dem Kamera-Stativ. Er las von einem Monitor ab und bewegte seine Arme sehr wild, sehr dramatisch. Es schien, als beschriebe er den Weltuntergang. Am selben Tag hatten man auch das Javits Kongresszentrum zu einem Krankenhaus mit 2500 Betten umgebaut. New York wappnete sich, rüstete auf im Krieg gegen Covid19.

„Wie in einem Film, es ist wie im Kino!“ Bemerkte ein Herr mit Hund.

Ja. Wie im Film. Gleich kommt der Sturm. Der Zuschauer weiß es. Die Hauptdarsteller wissen es. Alle wissen es. Gleich kommt der große Sturm. Man hat das Haus verbarrikadiert. Und wartet. Schnitt auf den Teekessel.

Denn noch war die Welle nicht auf uns niedergestürzt. Noch wuchs sie am Horizont, und in den Straßen spürte man die Bedrohung wie einen angehaltenen Atem.

Auf dem Rückweg nach Downtown, wo wir wohnen, liefen wir über den Times Square. Alles still. Ein Paar Fotografen, ein Paar Polizisten und viele Bettler.

Bettler. Überall. Es gab keine Passanten mehr, die ihnen ein Paar Dollar zusteckten. Auch keine Restaurants, die ihnen Reste schenkten. Sie streunten mit hungrigen Augen umher. Mit sich selbst sprechend, sich kratzend, verwahrlost, vergessen von der geschlossenen Stadt.

Ich musste auf die Toilette. Ich stand auf der 42zigsten Straße am Broadway und musste auf die Toilette. Alles dicht. Ein Wind kam auf. Meine Schwester fror. Ich gab ihr meine Jacke. Früher hätten wir uns schnell die U-Bahn geschnappt und wären in wenigen Minuten zuhause gewesen. Aber jetzt sollte man die U-Bahn nicht mehr nutzen. Sie fährt ausschließlich für Krankenhauspersonal und essentielle Arbeiter. Mit wenigen Züge. Die soll man nicht belasten. Wir liefen also zu Fuß hinunter. Eine knappe Stunde. Frierend und mit drückender Blase. Es gibt Schlimmeres.

Wir kamen an einem Home-Depot vorbei, einer Art Baumarkt. Meine Schwester brauchte Desinfektionstücher. Die waren natürlich ausverkauft. Aber es gab Flaschen mit Reinigungs-Flüssigkeit, die uns eine Verkäuferin empfahl. Sie trug keine Handschuhe und fasste diese Flaschen mit ihren bloßen Händen an. Ich ertappte mich, wie ich ihr dabei zusah, wie meine Augen ihren Fingern folgten. Sie fasste die Flasche an, kratzte sich hinterm Ohr, fuhr sich durchs Haar, fasste wieder die Flaschen an, und wischte sich schließlich mit dem Handrücken die laufende Nase ab. Wir verließen den Laden.

Dieses Beobachten! Julia! Meine Augen sind jetzt fixiert auf die Handbewegungen meiner Mitmenschen, wie ein Wachhund folge ich ihnen und fange an zu bellen, wenn sie mir zu nahe kommen.

Das C.D.C. – das staatliche Zentrum für die Kontrolle von Krankheiten – forderte die Menschen in New York auf, keine unnötigen Reisen zu unternehmen.


Auf Kuba hatte mir eine Santeria-Priesterin einst gelernt: „Wenn eine Krankheit kommt, laufe nicht weg. Harre aus. Warte, bis sie wieder verschwindet. Krankheiten kommen, Krankheiten gehen auch wieder.“

Wir blieben also in New York.

Anfang April schossen die Zahlen in die Höhe und die Corona-Welle stürzte

„offiziell“ auf New York ein. Am 8.April starben 799 Menschen. An einem einzigen Tag. Inzwischen sind es 16,966 Tote. Inzwischen kenne ich niemanden mehr, den es nicht getroffen hat, der entweder selbst erkrankt ist, von erkrankten Freunden erzählt oder um einen Verstorbenen trauert.

Jeden Tag neue Anrufe.

Letzten Samstag starb ein Musikproduzent, ein Freund meiner Mutter, zuhause in Brooklyn. Er schaffte es nicht mehr ins Spital. Meine Bekannten von der New York Post verloren den vom ganzen Land geliebten Sport- Fotograf Anthony Causi. Er war 48. Seine Kinder sind 3 und 6. Ein wuchtiger Kerl. A big guy. Jetzt haben alle „großen“ Männer Angst.

Julia, es fällt mir schwer, eine klare Beschreibung für diese ersten April- Wochen zu finden, Chaos. Es herrschte ein gewaltiges Chaos. Und gleichzeitig in den Straßen eine schaurige Stille.

Ich konnte die Stille nicht entziffern.

Das war vielleicht das Verwirrende an unserem Zustand. Ich ging raus, ein bisschen spazieren und auf den Straßen sah ich „nichts“. Ein paar Leute mit Masken, die etwas zu Essen einkauften. Jogger. Bettler. Polizisten. Hundeführer. Und Fotografen. Keine Taxis. Kaum Autos. Nur die Krankenwagen. Die vielen Krankenwagen. Sonst: Nichts. Dann kam ich nach Hause, und im Internet türmten sich die Meldungen. Nachrichten. Todeszahlen. Infektionszahlen. Die grausigen Berichte aus den Krankenhäusern.

Eine Krankenschwester wurde auf dem Weg zur Arbeit um 10 Uhr abends an der U-Bahn überfallen, verprügelt und ausgeraubt.

Die Wirtschaft. Die tickende Zeitbombe. 26 Millionen Amerikaner beantragten Arbeitslosengeld. 26 Millionen Menschen.

Ein Freund meiner Schwester, Dramatiker, versuchte sich umzubringen. Er überlebte den Selbstmordversuch, weil ihn, Gott sei Dank, in letzter Minute sein Partner rettete.

Meldungen. Anrufe. So vergingen die Tage.

Mein Kumpel Tanav rief an. Um 3 Uhr morgens. Er weiß, dass ich zu dieser Stunde schreibe. Seine Eltern sind Einwanderer aus Bangladesch. Ich fragte ihn, wie es den Verwandten in der Heimat ging. Eine Millionen Menschen verloren auch dort in der Bekleidungsindustrie in Bangladesch ihre Jobs. Tanav antwortete: „Davon sind die Hälfte Kinder.“

Er selbst hat ein kleines Kind. Und eine Frau. Das Virus hatte er überwunden. Seine Frau hatte ihn vermutlich angesteckt. Sie ist Lehrerin in Queens. In ihrer Schule wurden viele positiv getestet. Er lag zehn Tage im Bett. Noch nie in seinem ganzen Leben aß er so viele Orangen. Sein Bruder arbeitet als Lungenspezialist in einer Klinik in Brooklyn. Er verbot ihm, ins Krankenhaus zu gehen. Also blieb Tanav zuhause und aß Orangen. Er kann noch heute nicht riechen und schmecken, aber er kann wieder arbeiten. Kann? Muss.

Er managt zehn Geschäfte einer Kaffee & Backwaren-Kette. Sieben davon musste er schließen, weil er nicht genug Personal hat. Keiner kommt zur Arbeit. Alle haben Angst vor dem Virus und wollen zuhause bleiben und beantragen Arbeitslosengeld, obwohl er sie nicht entlassen hat. Im Gegenteil. Er braucht dringend Personal. Er rennt von einem Laden zum anderen und springt hinter die Tresen. Er erzählte, wie ihn eines Nachts die Alarmanlage aus dem Bett holte. Zwei Männer versuchten einzubrechen. Ein Streifenwagen verhinderte es. Ein anderes Mal ging der Rauchalarm los, weil ein Mitarbeiter aus Versehen den Ofen angelassen hatte. Tanav raste mit dem Auto hin … Den Arbeiter kann er nicht feuern, nicht verwarnen, nicht mal tadeln, weil er kaum noch welche hat.

*

An allen Ecken fehlt es an Arbeitskräften. In den Supermärkten. Bei der Polizei. Bei der Feuerwehr. In den U-Bahnen. Bussen. Bei der Müllabfuhr. Bei der Post.

Auf meinem täglichen Spaziergang fand ich ein kleines offenes Geschäft im East Village. Dort werden gesunde Dinge verkauft. Vitamine, getrocknete Beeren, Nüsse, Honig, Schokoladen ohne Zucker und in einem Kühlregal auch eingelegte Pflaumen aus Japan. Ein skurriles Geschäft. So wie ich sie in New York liebe. Meine Schwester hatte Geburtstag, und ich wollte ihr etwas Besonderes schenken. Ich freute mich, denn dort verkaufen sie auch Steine, Kristalle und Fossilien. Darunter einen versteinerten Oktopusarm. Und während ich nun diesen ulkigen, versteinerten Oktopusarm betrachtete, kam der Postbote herein. Die Verkäuferin war verzweifelt. Eine Kundin hatte sich beschwert. Ihr Paket war nicht angekommen. Die Verkäuferin klagte, seit zwei Wochen hatte man die Sendungen nicht abgeholt. Der Postbote überreichte den Stapel Briefe und schüttelte seinen Kopf. „Viele meiner Kollegen sind krank. Andere haben Angst zu arbeiten. Ich nehme deine Pakete mit.“ Das macht er sonst nicht. Er liefert nur aus. Er nimmt nichts mit. Aber nun hilft jeder, wie er kann …

Als ich aus dem Laden trat, begegnete mir plötzlich Eddy. Mein Boxtrainer aus dem Gym. Er wohnt in der Bronx und war bis nach Downtown mit dem Fahrrad gefahren, um sich ein „bisschen“ zu bewegen. Er gibt jetzt Trainings- Stunden via Zoom. So kann er überleben. Als den Gyms verordnet wurde, am selben Tag zu schließen, teilte ihm das Management mit: „In zwei Stunden machen wir dicht. Ihr seid alle gefeuert. Auf Wiedersehen.“

Arbeitslosengeld hatte Eddy trotz bestätigtem Antrag noch nicht erhalten. Keinen Pfennig. Aber Eddy war fröhlich. Nichts und niemand konnte Eddy sein Lächeln absprechen. Wasserschaden und die Decke vom Gym stürzte ein? Wir trainierten draußen. Die Halterung vom Boxsack war kaputt? Wir schoben den Boxsack auf dem Hallenboden hin und her. Eddy hatte immer eine Lösung parat.

Wir standen – auf Abstand – mit unseren Masken – auf der Straße. Sieben Uhr abends. Über den Häusern spann sich ein wunderschöner Regenbogen im warmen Abendlicht. Ein magischer New Yorker Moment. Die Leute traten an die geöffneten Fenster, klatschten und trommelten mit Kochlöffeln und Töpfen. Der allabendliche Applaus für unsere Soldaten, für die Schwestern und Ärzte an der Front im Covid19-Krieg.

Ein Mann saß auf seiner Feuerleiter und spielte auf einer E-Gitarre einen Jimmy-Hendrix-Song. And the wind cries Mary … A broom is drearily sweeping up the broken pieces of yesterday’s life … And the wind cries Mary.

Eddy blieb nicht lange. Er musste zum Zoom-Unterricht, schwang sich aufs Rad und schoss davon. Ich lief mit meinem versteinerten Oktopusarm nach Hause. Ja. Das war mein Geschenk für meine Schwester: Ein abgebrochener, versteinerter Oktopusarm … a broken piece from a yesterday

… long gone …

Julia, Du fragst mich, ob ich Angst habe?

Am Himmel ein Regenbogen und auf einer Feuerleiter Jimmy Hendrix in den stillen Straßen.

Auf der ganzen Welt bricht die Wirtschaft zusammen. Manche springen, wie der Boxlehrer Eddy, mit Köpper ins Wasser und schwimmen unter den Wellen durch. Und überleben. Andere verlieren alles.

Angst? Wie kann ich auf diesen Zustand mit Angst reagieren?

Ich muss selber schwimmen und tauchen und aufpassen, dass mich der Strudel nicht fortreißt.

Bist Du mal von einer großen Welle rumgerissen und Kopfüber herumgewirbelt worden? Mir ist das im Ozean passiert. Im Atlantik. Du tauchst auf, schnappst nach Luft, um dich herum der tobende weiße Schaum, und gleich kommt die nächste Welle und knallt dir wieder auf den Kopf. Angst und Panik sind in solchen Momenten extrem gefährlich.

Panik geht auch genau dorthin, wo das Virus einschlägt, in die Brust und die Atmung.

Ich weiß nicht, ob ich Dir jemals erzählt habe, dass ich zwei Jahre lang unter Panik-Attacken litt. Ein kurioses Phänomen. Man denkt man stirbt, aber man stirbt nicht. Man denkt, man kann nicht mehr atmen, aber man kann atmen. Das Herz rast. Aber man hat keinen Herzfehler.

Ich habe in diesen Tagen viel darüber nachgedacht. Über die Panik-Attacken und wie ich sie überwunden habe.

Ich glaube, bei mir waren sie die Folgen von einem heftigen Autounfall, den ich überlebte. Ich dachte erst, ich sei mit einem Schleudertrauma davongekommen. Aber ich vermute, der Schock des Unfalls saß mir so tief in den Knochen, dass er sich Monate später in Form von Panik-Attacken äußerte, die mich aus dem Nichts überfielen.

Und weißt du, was mich von diesen Panik-Attacken geheilt hat?

Kein Medikament. Kein Meditationskurs. Keine Fangopackungen. Keine Massagen. Nein. Ich sah, wie eine Freundin eine ähnliche Panik-Attacke erlitt. Scheinbar grundlos manifestiert sich plötzlich im Körper eine Panik in Zuckungen, Herzrasen und Atemnot. Als ich das mit ansah, schwor ich mir, nie wieder einer Panik-Attacke zu erliegen. Und tatsächlich bin ich fortan davor bewahrt geblieben. Das war in Indonesien. Wenige Wochen nach dieser Erleuchtung erkrankte ich an Dengue Fieber und wäre daran fast gestorben. Ha!

Es gibt einen Unterschied zwischen einer Infektion und einer durch Angst oder Panik ausgelösten körperlichen Krankheit. Beide sind verheerend. Die eine heilt ein guter Arzt, die andere ein klares Denken.

Ach Julia, folgst Du mir noch?

Ich versuche, die Balance zu finden. Ich will mich nicht von Panik krank, mich nicht verrückt machen, mich nicht vom Sog der Meldungen fortreißen lassen und gleichzeitig auch nicht fahrlässig sein. Aufpassen ohne zu übertreiben.

Ich beobachte die Entwicklungen, kann aber vor lauter Hingucken oftmals nicht mehr richtig sehen. Die Ungewissheit zermürbt.

In meinem Haus herrscht ein philosophischer Streit zwischen dem dritten und dem sechsten Stockwerk. Ich denke dabei an Sartre und Camus.

Was waren sie bereit zu opfern – für die Freiheit? Was sind wir bereit zu opfern – für die Gesundheit?

Die Japanerin im sechsten Stock ist seit Februar zuhause. Sie sieht dies als ihre strenge gesellschaftliche Pflicht gegenüber den Schwächeren und Älteren. Sie prophezeit, wir werden diesen Zustand noch lange erdulden müssen. Sie glaubt, die Infektionszahlen werden wieder in die Höhe schießen. Sie bleibt am Fenster und zählt nachts die Krankenwagen.

Gestern 49. Vorgestern 37. Vorvorgestern 56.

Im dritten Stock lebt ein spanischer Biologie-Professor. Als der Shutdown, oder die „Pause“, wie es unser Gouverneur nennt, Ende März ausgerufen wurde, musste er aus dem Museum of Natural History, wo er eine Forschungsstelle hat, in Windeseile sämtliche Schlangen, Schildkröten und Mäuse und Frösche zu Kollegen nachhause transportieren … bei dieser Aktion fing er sich das Virus ein. Er wurde krank, konnte sich jedoch im eigenen Bett auskurieren. Er ist wieder gesund und backt sein eigenes Brot, lebt isoliert, allein, und schleicht sich am Wochenende hinaus in die Natur.

Die Japanerin meint, wir müssen unseren Lebensstil adaptieren und die virtuelle Welt nutzen.

Der Biologie-Professor gibt seinen Studenten aus der Bronx jetzt Unterricht per Computer. Manche können daran nicht teilnehmen, weil sie keinen Computer haben, weil ihr Internet nicht funktioniert. Anderen fällt es schwer, sich zuhause mit zahlreichen Familienmitgliedern zu konzentrieren. Eine harte Umstellung.

Nachts, wenn die Japanerin die Sirenen zählt, liest der Biologe die neusten medizinischen Berichte. Er kritisiert die Wissenschaftler, die voreingenommen urteilen und nicht hinterfragen und regt sich über die Medien auf, die eine ungerechtfertigte Panik verbreiten und die Statistiken der Vorjahre nicht beachten. In der Grippesaison von 2017/2018 wurden in Amerika, laut einer Graphik des C.D.C. weitaus mehr Menschen mit Influenza in Krankenhäuser eingewiesen, noch im Oktober 2019 lag die Kurve der Einweisungen von grippalen Erkrankungen höher als in diesen Tagen.

Aber…argumentiert der sechsten Stock… die Sterberate war niedriger. Wann sind in New York City jemals in drei Wochen 10,000 Menschen gestorben? Wann wurden Leichen in Kühlwagen vor den Krankenhäusern gelagert?

Der Biologe im dritten Stock erwidert: Diese Todeszahlen sind nicht akkurat. Es wird als Todesursache ständig Covid19 angeben und nicht die Vorkrankheiten, mit denen die Patienten eingeliefert werden: Herzkreislauf- Probleme, Vorhofflimmern, Demenz, chronisches Nierenleiden. Wenn ein Patient Krebs hat, das Virus bekommt und stirbt, heißt jetzt die Todesursache Covid19. Nicht Krebs. Das ist absurd. In Italien starben 3 Prozent „nur“ an dem Virus. 97 Prozent der Covid19-Toten litten aber zum Teil an schwerwiegenden Vorkrankheiten. Hier in den US spielt besonders Fettleibigkeit eine riesen Rolle.

Und wieder hält die Japanerin im sechsten Stock dagegen. Man kann die Menschen nicht von heute auf morgen entfetten. Manche sind eben dick, haben einen zu hohen Blutdruck, Cholesterin-Spiegel, verstopfte Arterien. Eine Infektion bringt sie in Lebensgefahr. Man muss zuhause bleiben und sie schützen. Das Virus ist hochansteckend. Menschen sterben daran. Das ist unsere Realität.

Der Biologe beharrt, die Menschen sterben nicht „nur“ an Covid-19. Sie sterben auch, wenn ihre Krankenhäuser überfordert sind. Sieh doch, wo sie sterben? Wer stirbt? Doch so zahlreich immer dort, wo es an Personal fehlt, an Betten, an Schutzbekleidung und vor allem an medizinischem Training. Patienten werden nicht schnell genug behandelt. Patienten werden sogar falsch behandelt. In diesen chaotischen Zuständen treffen Mediziner falsche Entscheidungen. Das ist ihnen gar nicht vorzuwerfen. Die Kranken werden in Eile an Beatmungsgeräte angeschlossen. Aber diese Beatmungsgeräte bringen, selbst wenn die Pflege optimal und das Krankenhaus nicht bis zum Rand gefüllt ist, viele Komplikationen mit sich. Und dann stecken sich die Leute auch noch alle gegenseitig in diesen Krankenhäusern an! In Italien haben sich etliche Patienten, Ärzte und Schwestern dort infiziert! Das Problem liegt auch in der Überlastungen der Gesundheitssysteme. Aber es ist eine offene Frage, ob die Schuld an diesen Überlastungen allein das Coronavirus trägt.

Genau, verkündet sie siegreich aus dem sechsten Stock, deshalb darf man die Krankenhäuser nicht noch mehr übelasten: Und muss zu-Hause-bleiben!

Der dritte Stock gibt nicht nach. Man muss sie besser ausstatten und nicht die ganze Welt zusperren. Die Wirtschaft zerstören. Panik auslösen. Die Menschen verängstigen. Eine Studentin von mir eilte weinend ins Krankenhaus überzeugt sie hatte das Virus. Reine Panik. Sie war total gesund.

Die Japanerin im sechsten bleibt standhaft. Das ist ein Einzelfall. Über drei Millionen Menschen infiziert. Zweihunderttausend Tote. Weltweit. Die Gefahr liegt darin, dass die, die keine Symptome haben das Virus verbreiten. Das ist das Problem. Die Kurve sinkt jetzt, weil wir zu Hause sind. In Seattle ging ein Viertel der Bürger ab dem 6. März nicht mehr hinaus. Die New Yorker taten dies erst ab dem 20ten. Wir haben heute 24,000 Tote! Im Bundesstaat Washington sind es 800.

Der Biologe verzweifelt. Man kann New York nicht mit Seattle vergleichen. Eine Weltstadt mit vier internationalen Flughäfen und 8 Millionen Einwohnern. Seattle hat knappe 800,000! Diese Vergleiche sind wissenschaftlich unseriös. Es wird alles vermischt. Nicht differenziert analysiert. Es gibt verschiedene Faktoren, die an verschiedenen Orten verschieden aufeinandertreffen. Genau wie diese Zahlen! Immer werden diese Zahlen zitiert und irreführend interpretiert. Zahlen aus undurchsichtigen Berechnungsmodellen. Nimm, zum Beispiel, die Neuinfektionen. Ein Mensch wird nicht an dem Tag infiziert, an dem er das positive Testresultat erhält, sondern wohlmöglich Wochen vorher. Viele sterben auch nicht an dem Tag, an dem ihr Tod registriert wird. Wenn man diese Faktoren miteinbezieht, zeigt sich nämlich, dass die Kurve schon viel früher gesunken ist!

Die Japanerin ist nicht überzeugt. Die Leichen in den Kühlwagen sprechen für sich. Sie braucht keine Graphik und keine Statistik. Sie hört nachts die Sirenen.

Der Spanier trotzt. New York ist ein lokales Phänomen. In allen anderen Bundesstaaten liegt die Todesrate sogar unter dem üblichen Niveau. In New York liegt sie hoch. Ja. Aber wie hoch liegt sie eigentlich? Wie viel mehr Menschen sind hier mehr gestorben als sonst sterben? Es ist noch nicht genau berechnet. Man schätzt – schätzt – zwischen Mitte März und Anfang April starben in New York 5000 mehr Menschen als hier sonst im Durchschnitt sterben. Eine schreckliche Menge. Keine Frage. Im Vergleich zu anderen Grippewellen aber nicht so drastisch. Die Zahl von Influenza-Toten in Amerika variiert jährlich zwischen 12,000 und 61,000. Bis dato liegt sie bei 68,000. Nur weil wir obsessiv und wie mit einer Lupe dieses Virus beobachten, erscheint es uns so ungeheuer groß.

Es ist groß! Ruft sie empört. Es geht durch die ganze Welt!

Wie jede andere schlimme Grippewelle auch. Ihn fasziniert – seit Jahren schon – der Confirmation Bias, selektive Wahrnehmung, wenn Hypothesen nicht kritisch überprüft werden, sondern Wissenschaftler ausschließlich nach Beispielen suchen, die ihre Theorien bestästigen.

Die Japanerin lacht. Er suche ja selbst nur nach Artikeln, die beweisen, dass alles Panikmache ist.

Nein! Er untersucht die Zahlen jeden Tag. Auf den Webseiten des C.D.C. und bei EuroMomo. Jeden Tag. Und vergleicht sie mit Grippewellen aus anderen Jahren. Es handelt sich hier nicht um die Spanische Grippe, sondern um einen heftigen Lungeninfekt. Und Lungenentzündung ist seit eh und je lebensgefährlich! Die Maßnahmen sind maßlos übertrieben. Die Folgen verheerend. Die Heftigkeit der Krankheit steht in keiner Relation zu der globalen Katastrophe von Armut, Hungersnot, Nationalismus.

Sie kontert. Das Virus richtet endlich den Scheinwerfer auf Probleme, die unsere Gesellschaft jahrelang in den Schatten gestellt hat. Armut, Hungersnot, Nationalismus.

Er schlägt zurück. Und Alkoholismus! Ein Moderater seines geliebten Radiosenders hat sich gestern zu Tode getrunken. Die Situation – allein zu Hause – wurde für ihn unerträglich. Er nahm sich das Leben. Ist dieser Mann weniger wert als einer, der an dem Virus erkrankt?

Sie schüttelt den Kopf. Nicht einer erkrankt an dem Virus. Millionen. Weltweit.

Ihr Cousin ist Arzt in Japan. Seine Schwester Krankenschwester in Granada.

Sie sieht in der Krise auch eine Chance, alte Denkweisen und Gewohnheiten abzuwerfen, sich zu häuten wie die Eidechsen.

Er sieht das wachsende Leid, und bezweifelt die wissenschaftlichen Beweise, die es rechtfertigen sollen.

Wer hat Recht?

Was sind wir bereit zu opfern?

..Sartre und Camus… Ich horche und lese.

Der Lungenfacharzt Thomas Voshaar sagt:

„Mir ist keine andere Lungenerkrankung bekannt, bei der Komplikationen und der zeitliche Verlauf so schwer kalkulierbar und variantenreich sind. Auch die CT-Bilder der Lungen fallen äußerst unterschiedlich aus. Eine systematische Einordnung des Krankheitsverlaufs fällt uns noch schwer.“

Und der Intensivmediziner Richard Levitan berichtet: „Wir beginnen gerade erst zu erkennen, dass eine Covid-Pneumonie zunächst eine Form von Sauerstoffmangel verursacht, die wir als „stille Hypoxie“ bezeichnen – „still“ aufgrund ihrer heimtückischen, undurchsichtigen Natur.“

Ich kann die Stille der Straßen nicht entziffern.

Die Washington Post schreibt, Covid-19 ist mehr als nur ein Standardvirus der Atemwege. Es greift nicht nur die Lunge an, sondern auch die Nieren, das Herz, den Darm, die Leber und das Gehirn. Sie berichtet über bizarre Fälle.

Patienten mit erstaunlich niedrigem Sauerstoffgehalt – so niedrig, dass sie normalerweise bewusstlos oder fast tot sind – telefonieren noch.

Asymptomatischen schwangeren Frauen bleibt plötzlich das Herz stehen. Patienten mit einer leichten Erkrankung, verschlechtern sich innerhalb von Minuten und sterben zu Hause. Es wird von mysteriösen Blutgerinnseln gesprochen.

Dem Broadway-Schauspieler Nick Cordero wurde das rechte Bein amputiert, nachdem er sich mit Corona infiziert hatte und an Blutgerinnseln litt.

Julia. Du fragst mich, ob ich Angst habe?

Ich weiß nicht, was los ist. Ich kann die Stille nicht entziffern. Wenn selbst die Ärzte es nicht wissen?

Aber das Virus ist überall.

In meinem kleinen Bioladen, wo ich einkaufe, hatten sämtliche Mitarbeiter das Virus. Der Manager sagt, keine Angst, sie wurden alle wieder gesund.

Mir begegnet neulich meine Freundin Layla mit ihren Zwillingen im Waschsalon. Sie arbeitet für eine Organisation, die Altenheimen Unterhaltungsprogramme anbietet. Stehe ich weit genug von ihr entfernt, wenn ich mich mit ihr unterhalte? Viele ältere Menschen, die sie gut kannte, sind gestorben. Es macht sie traurig. Sie konnte sich nicht verabschieden. Sie erzählt auch von dem Vater ihrer Zwillinge. Der sitzt im Knast in Attica, einem der schlimmsten Hochsicherheitsgefängnisse von New York. In einer Schlägerei wurde er am Arm verletzt und musste genäht werden. Der Krankenpfleger, der ihn behandelte, testete positiv. Noch hat er keine Symptome. Aber Angst.

Inzwischen kenne ich niemanden mehr, den es nicht getroffen hat … Gestern 37. Vorgestern 57. Vorvorgestern 49.

Der neue Alltag bringt die dazugehörigen Streitigkeiten mit sich. Beim Einkauf wird gezankt, wenn Leute die Vorsichtsmaßnahmen nicht einhalten … Petzer, die lieber petzen als selbst einen Schritt zurückzusetzen, können wieder rigoros gegen andere loshetzen. Stumpfsinnige husten, gleichgültig wie eh und je, rücksichtslos aufs offene Obst. Und Pechvögel, mit Maske und Handschuh im Abstand bleibend müssen trotz all ihrer Vorsicht das Virus erleiden …

Tanav sagt, jeder New Yorker wird irgendwann infiziert. Man kann nur hoffen, dass man es überwindet. Aber das Virus ist überall.

Meine Schwester und ich stellen nun Plastikbeutel gefüllt mit Wechselgeld auf die alten Zeitungskästen am Straßenrand. Für die Bettler. Die stadtweiten Initiativen, ihnen zu helfen, reichen hinten und vorne nicht aus. An jeder Ecke hungert jemand. Der Gouverneur nennt die vielen Obdachlosen, die in den U- Bahnen schlafen, ekelhaft und respektlos gegenüber den essentiellen Arbeitern.

Ach.

Ich halte mich an meine Gesangslehrerin. Sie ist 85 und hat seit Mitte März ihre Wohnung nicht verlassen. Sie wohnt im 17ten Stock und läuft einmal am Tag die Treppen hoch und runter, um fit zu bleiben. Ich halte mich an diese Frau und daran, dass sie mit ihrer Stimme über den Schmerz geht. Wenn mir die Traurigkeit die Kehle zuschnürt, dann fordert sie mich immer auf, darüber hinwegzusingen.

Mein Boxtrainer gibt Zoom-Stunden. Er springt unten durch…

In den letzten Tagen hat sich die Stadt wieder etwas geöffnet. Ich sehe mehr Menschen auf den Straßen. Viele sind ohne Masken und ohne Handschuhe unterwegs. Der Gouverneur sagt, es starben gestern „nur“ 322 Menschen. Die Zahlen, was auch immer sie bedeuten, sinken.

Nun ja. Der Schein trügt. Ein Luftholen. Mehr ist es nicht.

Ein lustiger Freund von mir aus Spanisch Harlem, der in seinem Zigarrenladen momentan gut verkauft, kommentiert: „New York war nie besser! Kein Stress. Kein Baulärm. Kein Verkehr. Die Luft ist sauber. Der  Sprit billig. Keine Parkzettel. Und die Hausbesitzer kriegen eins auf den Deckel. Keiner zahlt Miete und sie dürfen einen nicht rausschmeißen! Was will man mehr?“

Nun ja. Der Schein trügt. Ein Luftholen. Mehr ist es nicht.

Julia, die Wellen stürzen immer noch auf uns nieder. Und die Ratlosigkeit hält an. Was wird werden? Wie lange noch? Und diese Tests, von denen sie alle sprechen? Muss jetzt jede Firma immerzu ihre Mitarbeiter testen? Und beim Reisen? Werden wir alle Covid19-Passierscheine vorlegen müssen? Und die Schulen? Die Schulen! Und alles andere? Layla weiß nicht, ob sie ihren Job behalten kann. Man hat bereits ihre Chefin entlassen. Sie hat Zwillinge und den Vater im Knast. Der spanische Biologe bangt um seinen Lehrstuhl in der Bronx. Was wird aus dem Hutladen? Was wird mit uns? In der Kultur?

Eine Stadt ohne Kultur ist sinnlos. Die Theater geschlossen. Die Jazz- und Comedy Clubs geschlossen. Die Buchläden geschlossen. Museen und Galerien geschlossen. Eine Stadt ohne Kultur ist sinnlos.

Selektive Wahrnehmung. Was nehme ich wahr?

Kahlil Gibran schreibt, niemand kann dir zeigen, was nicht bereits im Morgengrauen deines Wissens schlummert.

Morgengrauen auch jetzt. 6 Uhr früh. Der Brief ist viel zu lang geworden.

Ich werde im Tompkins Square Park im East Village ein wenig herumlaufen. Da gibt es so schöne Bäume, und sie blühen. Ein Apfelbaum und ein Kirschbaum. Es nieselt. Ich werde mich unter ihre Farbpracht stellen. Und atmen. Für die Tiere und die Natur ist dieser Stillstand eine Befreiung. Eine Erlösung.

Du schreibst, du bist mit deinen Kindern außerhalb von Berlin ins Grüne gezogen. Wie schön! Genau im richtigen Moment!

Hab keine Angst um mich.

Meine Großmutter hat immer gesagt, wir lassen uns nicht kleinkriegen.

Am 29.Oktober 1975 stand auf dem Titelblatt der Daily News die legendäre Schlagzeile: Ford to the City: Drop Dead.

New York war bankrott. Und der Präsident wollte nicht auf die Beine helfen.

Aber New York richtete sich wieder auf.

New York wird überleben, sich neu erfinden und sich treu bleiben… wird weitermachen.

Julia, ich schreibe dir wieder, wenn sich die Wellen geglättet haben, wenn ich auf dem Rücken liegend in der Sonne gleite. Momentan gilt aufpassen, tauchen, schwimmen, gilt nicht untergehen…

Auf bald, Deine Marie