Ella Cieslinski

2023

Länge: 6:24 Min
Kategorie: Film

Was ist, wenn das hier alles vorbei ist – womit fängt die Geschichte an? In Ella Cielinskis Kurzfilm 2023 bei Adam und Eva in einem üppigen Garten. Sie entdecken einander und eine neue Welt, nachdem die alte wegen einer globalen Pandemie zerstört worden ist. Aber schon bald werden sie von Erinnerungen einer unbekannten Vergangenheit heimgesucht und das Paradies verwandelt sich in einen dystopischen Garten: Ein Ort der Enge, wo die Lust schwindet und Sünde um die Ecke lauert. Die Arbeit ist in Zusammenarbeit mit ihrem Freund Semyon Bondarenko entstanden, mit dem Cielinski seit Wochen in der brasilianischen Natur zwangsisoliert ist. Dazu schreibt sie: „(Wir haben uns) uns filmisch mit dem Gefühl der Isolation auseinandergesetzt, das uns überkam, als wir in Brasilien in Zwangsquarantäne versetzt wurden. Obwohl wir in Mitten von Natur in einem wunderschönen Haus waren, kamen wir uns vor wie in einem Gefängnis.

Das Paradies wirkte nicht mehr freundlich, es wurde unheimlich. Wir hatten Angst davor, was diese erzwungene Nähe mit uns machen würde; wir sind es nicht gewohnt, soviel Zeit miteinander zu verbringen, ohne die Möglichkeit zu anderem sozialen Kontakt. Die Ausgangsfrage war dabei die Isolation durch Corona und ihre möglichen Folgen, hauptsächlich bedrohlicher Natur. Langeweile, schwindende sexuelle Attraktion, Wahnsinn, Entfremdung mit der Realität, eine Flucht in Traumwelten. Die Frage, ob man Realität von Gedankenkonstrukt und Traum überhaupt noch unterscheiden kann? Aber auch Fragen nach Beziehungen und ihren Mechanismen. Wie kommunizieren wir miteinander? Was macht uns menschlich? Was unterscheidet uns voneinander? Wo wird das Vertraute fremd? Dabei gibt 2023 keine Antworten, er fragt nur, die Struktur bleibt offen. Genauso unheimlich und ungewiss wie das Gefühl von Corona und Quarantäne.“

Artist

Ella Cieslinski (*1990) arbeitet freiberuflich als Autorin, dramaturgische Beraterin und Regisseurin. In ihrem Drehbuchstudium an der Hochschule für Fernsehen und Film in München setzte sie mehrere Kurzfilme als Drehbuchautorin und Regisseurin um, die u.a. auf den Hofer Filmtagen uraufgeführt wurden. Für ihr Diplomdrehbuch wurde sie mit dem Drehbuchpreis auf dem Sehsüchte Film Festival 2018 ausgezeichnet. Sie lebt in Berlin.

Interview

Was für eine Rolle spielt Kunst und Kultur in Zeiten von Corona und Ausgangssperre und was bedeutet es in dieser Zeit Künstler*in zu sein?

Im besten Fall bieten Kunst und Kultur immer eine Form des Perspektivwechsels, eine Bewusstseinserweiterung, eine Irritation der bestehenden Begebenheiten, eine kreative Auseinandersetzung mit der Welt, in der wir leben.
Sie sind Unterhaltung, Reflexion, sie können Flucht bedeuten, sie sind der Spiegel ihrer Zeit und Menschen. Und vor allem sind sie eine Form der Kommunikation. Besonders in dieser Zeit der Isolation und vermehrter „frei-Zeit“ hält uns Kunst lebendig, miteinander und der Welt verbunden. KünstlerInnen sind Seismografen ihrer Zeit, sensibel für ihr Umfeld reflektieren sie Stimmungen und Tendenzen. Ihr Werkzeug sind Krisen und Unsicherheiten, denn sie haben fast nie ein sicheres Einkommen, arbeiten oft isoliert; ihre Kreativität entsteht aus der Reibung. Ich kann mir vorstellen, dass Corona und Ausgangssperre kreativ anregen können neue Wege zu gehen und nach eigenen Formen der Kommunikation zu suchen.

Wie beeinflussen die Umstände dich und dein soziales Umfeld?

Als in Europa der Lockdown losging, war ich mit meinem Freund, der aus Russland kommt, gerade in Brasilien, um meinen Vater zu besuchen, der dort lebt. Beide unsere Flüge wurden gestrichen, inzwischen sind fünf Wochen vergangen, wir sind immer noch hier. Mein Vater, der sonst an der Uni arbeitet, ist jetzt die ganze Zeit Zuhause und arbeitet vom Computer aus. Internet gibt es nur im Wohnzimmer, ständig hocken wir zu dritt am Tisch. Privatsphäre gibt es kaum. Auch wenn ich es wahrscheinlich irgendwie zurück nach Deutschland schaffen würde, bleibe ich jetzt freiwillig hier, weil Russland seine Grenzen zugemacht hat und mein Freund bis Mai definitiv nicht zurückkommt. Für Deutschland hat er kein Visum. Alles, was mit Reisen zu tun hat, scheint plötzlich sehr kompliziert oder sogar unmöglich. Und das fühlt sich bedrohlich an, vor allem wenn man eine Fernbeziehung und eine Familie hat, die überall verteilt lebt. Vor drei Wochen ist mein jüngerer Bruder Vater geworden von einer kleinen, quietschfidelen Lotte. Er lebt in Leipzig. Eigentlich wollte meine Mutter zur Geburt fahren, aber sie konnte nicht, wegen Corona. Sie lebt in Frankreich. Allein, in einer kleinen Wohnung. Obwohl sie am Meer lebt, darf sie nicht mehr an den Strand, weil der gesperrt ist. Heimlich geht sie im Wald spazieren. Täglich schickt uns mein Bruder Fotos von Lotte. Es wäre auch schön sie einmal in den Arm zu nehmen.

Inwieweit musstest du deine Arbeit an die gegebenen Umstände anpassen oder dich einschränken?

Anfang April hätte ich zurück in Berlin sein sollen, um mit einer befreundeten Regisseurin an einem Serienkonzept zu arbeiten, aber weil ich nicht zurück konnte, haben wir entschieden per Videokonferenz zu arbeiten. Als Drehbuchautorin findet viel meiner Arbeit am Computer statt, und erstmal scheint sich gar nicht so viel verändert zu haben, aber tatsächlich ändert das sehr viel. In der Konzeptionsphase nicht physisch zusammen zu sein, entzieht der Arbeit die Intensität, die Verbundenheit, das Brainstorming, das gemeinsam Pause machen, Spazieren gehen, mal kurz albern sein, das sich Anfassen. Via Zoom ist alles ultra Zielorientiert,
man ist die ganze Zeit konzentriert. Dabei lebt Kreativität von einem geschützten Raum, von Sensualität und Ablenkung! Das war teilweise sehr frustrierend. Vor allem wenn das Internet ständig aussetzt.

Was machst du als erstes, wenn sich die Situation wieder entspannt hat?

In ein Flugzeug steigen, nach Deutschland fliegen, meine Wohnungstür aufschließen, meine Post sortieren, meine Pflanzen gießen, in das indonesische Restaurant bei mir ums Eck (wenn das denn offen hat?!) und dann schnellstmöglich nach Leipzig meinen Bruder drücken und meine Nichte kennen lernen.