Felicitas Sonvilla

A temperatura entre nossa paredes
(The temperature between our walls)

Kategorie: Film

Felicitas Sonvillas Film ist eine Neumontage von Videomaterial, das sie 2019 bei ihrem Freund in Sao Paolo drehte. Er verbrachte den Tag in der Uni, sie in der Wohnung, wo sie die Stadt zunächst vom Balkon aus durch die Kameralinse erkundete. Sie kannten sich damals erst ein paar Monate.

Ein Paar am Anfang seiner Beziehung, eingesperrt in 50 Quadratmetern. Die Bilder erzählen, wie Fremde und Vertrauen, Distanz und Nähe ineinander überfließen: Kompromisslose Intimität, das Zurückziehen in sich selbst, der Kontakt nach Außen über reale und digitale Fenster. Sie drücken die Ruhe aus, die etwas besinnliches haben kann, und die Lethargie, die Sinnlichkeit zerstören kann.

Während der Ausgangssperre fand sie sich in einer ähnlichen Stimmungswelt wieder. Diesmal in München schnitt Felicitas Sonvilla das Material zu einem Film zusammen und schrieb dazu einen Text, den ihre Mitbewohnerin übersetzte und einsprach. Durch den Quarantäne-Bezug erzählt das eigentlich dokumentarische Material eine neue Geschichte und lässt auch hier Grenzen zerfließen; Fiktion und Dokumentarfilm lösen sich ineinander auf. Darin liegt auch die ungeheure Kraft des Films, dessen Körper das Gefühl ist, die Temperatur, die unabhängig vom Narrativ und durch Fenster hindurch den Raum füllen kann.


Artist

Felicitas Sonvilla (*1988) ist Filmemacherin und lebt in Wien und München. Ihre Filme beschäftigen sich mit gesellschaftlichen und familiären Machtverhältnissen, an der Grenze zwischen Dokumentarfilm und Fiktion und wurden mehrfach ausgezeichnet. Sie hat Theater-Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien studiert, und 2018 ihr Diplom der Dokumentarfilmregie bei Heiner Stadler und Karin Jurschick und Schnitt bei Karina Ressler an der HFF München erlangt.

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Interview

Was für eine Rolle spielt Kunst und Kultur in Zeiten von Corona und Ausgangssperre und was bedeutet es in dieser Zeit Künstler*in zu sein?

Auch in der Zeit vor Corona habe ich ich als Künstlerin öfter am Existenzminimum gelebt oder viel Zeit alleine vor dem Schreibtisch verbracht und die Kunst oft in Frage gestellt. Das tue ich nun gar nicht mehr. Wenn ich die letzten Wochen reflektiere, gab es wenig, was mich so lebendig und hoffnungsvoll gehalten hat wie das Schaffen anderer Künstler:innen. Kunst ist das Tor in die Welten andere Menschen. Kunst ist Begnung, Austausch, Reflektionsraum.

Aber je länger die Ausgangssperre andauert, desto klarer wird mir auch: für Kunst brauchen wir Gemeinschaft und Interaktion, nicht nur virtuell, auch im echten Leben. Das ist das, was mir als Filmemacherin gerade am meisten fehlt – die sozialen Räume, die menschliche Interaktionen mit all unseren Sinnen ermöglichen. Wir sind soziale Wesen! Diese fehlende Gemeinschaft, die Leerstelle, die in mir entsteht, die melancholische Erinnerung an das “davor” ist auch Ausgangspunkt meines Filmes. Als kreativer Mensch versuche ich die Prozesse, die ich durchmache, transparent zu machen und eine Projektionsfläche für das Erleben anderer Menschen zu bieten.

Wie beeinflussen die Umstände dich und dein soziales Umfeld?

In gewisser Weise ist mein Leben nicht viel anders als davor. Ich fahre in mein Atelier und arbeite viel vor dem Laptop. Am Anfang habe ich die Veränderung kaum gespürt. Aber schleichend haben sich die Auswirkungen der Umstände manifestiert: Noch mehr Zeit vor dem Laptop. Noch mehr telefonieren und skypen. Mehr Bildschirm, weniger Körper. Weniger Sinnlichkeit. Die Sehnsucht nach Körperlichkeit, nach pysischer Präsenz in dieser Welt: keine Lust mehr aufs Avatar-Dasein. Ich kann meine Familie und vieler meiner Freunde nur als Pixel sehen. Der Blick aufs Konto macht jeden Tag mehr Angst, rote Zahlen. Und trotzdem entsteht auch eine neue Ruhe, eine Entschleunigung, ein im “Jetzt-Sein”, was mich auch inspiriert: Im Stadtviertel herumstreuen und auf einmal Orte entdecken, an denen ich jahrelang vorbei gegangen bin. Einer alten Dame aus der Nachbarschaft Essen bringen und mit ihr kurz plaudern.

Ein Transitzustand, ein in der Schwebe sein, nicht wissen, wie morgen aussehen wird und noch von gestern träumen: Darin kann auch ein großes Potential liegen. In der Dystopie das utopische Moment finden, das ist gerade wichtig.

Inwieweit musstest du deine Arbeit an die gegebenen Umstände anpassen oder dich einschränken?

Normalerweise hätte ich den März und April komplett auf Filmfestivals und Workshops verbracht. Da alles abgesagt wurde, hatte ich auf einmal viel Zeit für angefangene und nicht fertig gestellte Projekte. Ich habe meine Festplatten sortiert und Material gesichtet, das ich über das letzte Jahr immer wieder auf meiner kleinen Kamera gedreht hatte. Dabei bin ich auf das Roh-Material von “A temperatue entre nossas paredes” gestoßen.

Wie sieht die Welt nach dem Lockdown aus, wird danach alles besser oder schlechter und warum?

Es gibt Potential in beide Richtungen, aber ich wünsche mir so sehr und hoffe, dass ein Wandel möglich ist: weg von den Vereinzelungsstrukturen des Spätkapitalismus, hin zu mehr Solidarität & Gemeinschaft. Ein Miteinander, in dem wir achtsam mit anderen Mitmenschen und unserer Umgebung umgehen und Leben voll leben können.