Marie Pohl

Liebe Julia,

Du fragst, wie es mir in New York geht, und ob ich Angst habe?

Meine Nachbarin im sechsten Stock, eine japanische Malerin, sitzt jede Nacht am Fenster und zählt wie viele Krankenwägen vorbeifahren.

Gestern 37. Vorgestern 57. Vorvorgestern 49.

Die aktuellen Zahlen von New York liegen heute – Montag – 4ter Mai 2020 –bei 323,883 infizierten Menschen und 24,648 Toten. Höher als in Spanien. Höher als in Italien. Höher als in jedem anderen Land der Welt. Die New York Times berichtet, seit dem 11.März sind außerdem knapp viertausend Menschen an anderen Krankheiten gestorben, weil man sie, von der Covid19-Pandemie überfordert, entweder nicht behandeln konnte, oder sie sich aus Angst vor dem Virus nicht ins Krankenhaus trauten.

24,648 Tote im Staat New York.

Meine Nachbarin im sechsten Stock verlässt die Wohnung nicht. Sie lässt sich alles liefern. Wir telefonieren. Mittags. Nach der täglichen Pressekonferenz des New Yorker Gouverneurs. Er beginnt immer mit den neusten Zahlen von Krankenhauseinweisungen, Neuinfektionen und Todesfällen. Die Formen der Graphiken, die er zeigt, gleichen den Formen von Meereswellen. Hoffnung. Seit ein Paar Tagen macht er Hoffnung. New York hat den Wellenberg überwunden. Wir befinden uns leicht unterhalb des Wellenkamms und gehen auf das Wellental zu. Kurz: Die Kurve sinkt. Die Quarantäne-Maßnahmen wirken. Aber unsere „Pause“ dauert noch bis 15.Mai an. Meine Nachbarin glaubt, es wird alles viel, viel länger dauern und zählt nachts die Sirenen.

Gestern 49. Vorgestern 37. Vorvorgestern 57. Du fragst, ob ich Angst habe.

Du fragst, wie es mir geht.

Ich weiß nicht genau, wie es mir geht.

Ich komme in diesen Zeilen erstmals an die Wasseroberfläche und schnappe nach Luft.

Ich wollte Dir längst geantwortet haben. Du schriebst mir Mitte März. Heute ist schon Ende April. Die Zeit rast in diesen verlangsamten Tagen ungewöhnlich schnell dahin. So viel passiert. Ich kann kaum das viele Geschehen verdauen, das Wahrgenommene reflektieren. Ich will versuchen, Dir ein Bild zu machen, von dem Wirrwarr, der mich umgibt. Verzeih mir, wenn es vielleicht verschwommen ist …

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Liebe Julia …

Kategorie: Literatur

Quarantäne bedeutet Isolation, manchmal auch von der eigenen Familie. Deshalb hat Marie Pohl die Zeit bei ihrer Schwester in New York verbracht, um sie nicht allein zu lassen. In ihrer alten Heimatstadt entstand dieser literarische Brief, eine Sammlung von Gesprächen und Beobachtungen von sich und den Menschen in ihrer Nachbarschaft. Ob nun der Plausch mit der Hutmacherin oder die Diskussion im Treppenhaus, es sind individuelle Perspektiven auf eine unsichere Phase, die hier das große Bild zusammensetzen.

Damit ist Liebe Julia … ein Gegenpol zu den Zahlen und informativen Updates, die uns hauptsächlich über die Grenzen erreichen. Der Brief ist gleichzeitig Plattform und Einladung zum Austausch, und setzt ein Zeichen dafür, wie wichtig Gemeinschaft, Zuhören und Kommunikation sind – besonders jetzt.


Artist

Marie Pohl ist Schriftstellerin, Journalistin, Dramatikerin und Schauspielerin und in New York aufgewachsen. Sie hat für die Süddeutsche und andere Zeitungen geschrieben und mehrere Bücher im Fischer Verlag veröffentlicht. Im April 2020 sollte am Theater Duisburg ihr neues Stück “Zu Spät!!!” mit dem Kinderchor am Rhein und Musik von Friedman Dreßler uraufgeführt werden. Die Premiere wurde auf Mai 2021 verschoben. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

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Interview

Was für eine Rolle spielt Kunst und Kultur in Zeiten von Corona und Ausgangssperre und was bedeutet es in dieser Zeit Künstler*in zu sein?

Unsere deutsche Kanzlerin sagte neulich, es sei jetzt nicht an der Zeit die Künstler zu retten. Genau das Gegenteil halte ich aber für wichtig. Gerade die Kunst hilft uns diese Tage von abgründiger Ratlosigkeit zu überwinden.

Ich musste mal für eine Firma, die in Kaviar investieren wollte, eine Kaviar-Recherche machen. Ich sollte in verschiedenen Geschäften erfahren, ob in Zeiten von wirtschaftlicher Not, Kaviar konsumiert wird. Und tatsächlich fand ich heraus, dass gerade wenn das Portemonnaie leer ist oftmals der letzte Geldschein für eine Dose Kaviar ausgegeben wird. Je schlechter die Wirtschaft, desto höher der Kaviar-Konsum. Kunst ist wie Kaviar. Je düsterer die Stimmung, desto heller leuchtet die Kunst.

Die messerscharfe Überlebensfrage, vor die wir Künstler jetzt gestellt sind, müssen wir versuchen als Motor zu nehmen und nicht als Hemmung. Drang. Kein Stillstand. Expression. Kein Schlaf. Wobei ich auch die Künstler verstehe, die unter dem immensen Druck, etwas Großes produzieren zu müssen, die Tür zuknallen und sagen, keinen Bock. Der große Covid19-Roman, das große Covid19-Theaterstück. Wir sind ja alle zuhause und haben dafür Zeit. Dieser Druck kann auch lähmend sein. Gerade Komiker. Musiker. Theater. Alles, was ein Publikum braucht, hat es da besonders schwer. Ich kann nur aus meiner Erfahrung sprechen: Im Schreiben entfalte ich Kraft und Mut und Hoffnung. Hier in New York, wo ich gerade gestrandet bin, hat ein Künstler Mülleimer in Blumenvasen verwandelt. In Chicago bemalt ein anderer die Gulli-Deckel. Die Kunst, die raus will, die findet immer einen Weg. Und diese neue Situation ist auch spannend, weil sie uns zwingt neue Formen zu erfinden.

Wie beeinflussen die Umstände dich und dein soziales Umfeld?

Finanziell sitzt mir der Revolver an der Schläfe. Theaterprojekte, Lesungen…vorerst ins Ungewisse verschoben. Aber ich versuche mich davon, wie gesagt, nicht lähmen zu lassen und schreibe und schreibe und schreibe. In meiner künstlerischen Arbeit, sowohl im Theater als auch in meinen Reiseromanen, habe ich stets aus Erlebten geschöpft, aus Begegnungen und Gesprächen mit Menschen. Das musste ich jetzt stark reduzieren. Die meisten Unterhaltungen finden am Telefon statt. Aber es gibt trotzdem noch Möglichkeiten zur direkten Kommunikation … in Supermärkten, im Waschsalon, auf der Straße. Die versuche ich zu pflegen.

Mein Umfeld ist sehr unterschiedlich betroffen. Manche haben Angst, andere haben Ideen, wie sie ihr Leben umstrukturieren und neu erfinden. Meine Schwester, zum Bespiel, die viel als Sprecherin arbeitet, hat sich jetzt in ihrem Kleiderschrank ein Tonstudio gebaut. Sie sitzt da in dem dunklen Schrank und macht Aufnahmen. Eine Freundin, eine Dirigentin, überlegt fieberhaft, wie man ein Orchester Covid-gerecht machen kann. Geiger können mit Maske spielen. Aber die Bläser? Das Schwierigste für uns alle ist, dass wir nicht wissen, wie lange sich das Ganze noch hinzieht. Morgen schon vorbei? Oder geht das noch ein ganzes Jahr so weiter? Man muss abwarten. Es gibt auch noch keine Richtlinien für Kulturschaffende. Wir werden sehen…

Inwieweit musstest du deine Arbeit an die gegebenen Umstände anpassen oder dich einschränken?

Ich muss komplett umdenken. Ich sollte in Duisburg mein neues Theaterstück “Zu Spät!!!” mit dem Kinderchor am Rhein inszenieren. Das (und andere Projekte) liegt nun auf Eis. Ich musste meine Abreise aus New York nach Berlin verschieben. Meine Schwester lebt hier in New York und wollte sie während dieser Krise nicht alleine sein. Also bin ich hiergeblieben anstatt nach Hause zu fliegen. Schreiben kann ich auch hier. Im Alltag gibt es vor allem viele Kleinigkeiten, an die ich mich anpassen muss. Alles dauert viel länger… ich muss ewig nach einem offenen Waschsalon suchen, dort Stunden auf freie Maschinen warten, auch die langwidrigen Lebensmitteleinkäufe, das ständige Desinfizieren. Was ich früher in einer Stunde erledigt hab, dauert heute einen halben oder ganzen Tag. Das geht natürlich von der Schreibarbeit ab… das ist eine Einschränkung… auch dass die Bibliotheken geschlossen sind und die Buchsendungen nicht eintreffen… solche Dinge… alle eigentlich nicht weiter nennenswert in Relation zu den wirklich gravierenden Problemen dieser Zeit.