Marius Goldhorn

Marius Goldhorn war gerade dabei, einen Band mit Liebesgedichten für den Sommer zu schreiben. Dann kam die Krise und brachte Angst, Distanz und Unsicherheit in den Frühling. Seine Sechs Gedichte zeichnen mit berührend ehrlichem Blick diesen Zustand, in dem niemand so recht etwas weiß – erst recht nicht wie man sich dazu verhalten soll – es aber gleichzeitig so viele Regeln gibt, wie schon lange nicht mehr. Es sind Zeilen aus der eigenen Wohnung, über die angeordnete Reduktion aufs Private, die Ruhe und die Unruhe, die das mit sich bringt, aber auch die Wichtigkeit der Tür: der Blick nach Außen. Dass der kritisch sein darf und soll zeigen auch Elemente aus dem Science-Fiction Roman Planet der Habenichtse von Ursula K. Le Guin. Darin geht es um das Verhältnis zweier Planeten, 200 Jahre nachdem deren Bewohner sich in gegenseitige Isolation verbannt haben. Auf dem einen haben sich verschiedene autoritäre Systeme gebildet, auf dem anderen herrscht Anarchie.

Der Gedichtband wird im Sommer trotzdem erscheinen, vielleicht sind auch ein paar Liebesgedichte dabei. Erhältlich ist er im Korbinian Verlag. 

Marius Goldhorn (*1991) lebt und arbeitet in Deutschland.

Sechs Gedichte

Kategorie: Literatur


25.03.2020

wir könnten einen nachtzug bis an die grenze nehmen
aber es gibt keinen zug
wir können spazieren gehen und uns unterhalten
auf den straßen strecken sich leute
ich öffne die schwarzteepackung und hoffe
es fliegen mir keine motten entgegen
ich hoffe meine freiwillig gewählte naivität verwandelt sich nicht in hass
wir können spazieren gehen und uns unterhalten
das schlimmste, was passieren könnte, ist das wir sterben
wir tauschen unsere dreißigbillionen bakterien aus
du und deine dreißigbillionen bakterien
ich und meine dreißigbillionen bakterien
träumen von der zeit als der mensch noch eine seltene art war
ich habe das bedürfnis ein sehr langes gedicht zu schreiben
ich wundere mich, warum du mich so gut behandelst
ich kann nicht mehr verschwinden
ich will nicht mehr los, nicht mehr zu fuß in die wüste
du bindest uns aneinander, damit ich nicht mehr schlafwandel
ich habe im schlaf den knoten gelöst
die milch geschäumt, die kiste mit den dvds heruntergeworfen,
die lampe abgebaut, die dusche angestellt,
den pappaufsteller von mel gibson aufs sofa gelegt,
ich war glücklich, dass ich hier war
die neun kinder von mel gibson tragen weiß
sie klingeln an unserer tür
ich mache auf, weil ich denke, es ist amazon
im hausflur stehen die neun kinder von mel gibson
ich werfe mich auf den boden und krabbel zum bett,
lege mich unter die decke
ich wollte dich warnen
du rufst: im flur steht eine sekte
sie schweigen und rauchen
du gibst den neun kinder von mel gibson
den pappaufsteller von mel gibson
du sagst: ich glaube sie sind verschwunden
meine augen werden schlechter
ich google: verbesserung der sehkraft durch natürliche methoden
du reißt die decke weg
wir können spazieren gehen und uns unterhalten
aber erst mache ich einen kaffee
während du dir die augenbrauen färbst
extrem intensive augenbrauen
ich werde diszipliniert weiter machen
bei aller wahrscheinlichkeit
kannst du jetzt mehr schwitzen?
siehst du jetzt besser?
ich färbe meine augenbrauen
ich sehe aus wie ein anderer mensch
wir können spazieren gehen und uns unterhalten
ich will dich nicht mit der welt teilen
da ist sowieso niemand
wir gehen und unterhalten uns
ich sehe das nichts
das überall ist
es ist zeit für ruhige und positive gedichte
ich habe keine angst
du kannst meine fragen beantworten


30.03.2020

jetzt, wo alle um mich herum in den krisenmodus schalten
ziehe ich mich in die sorglosigkeit zurück
ich hoffe, du findest das nicht aggressiv
kann ich aus diesem impuls gedichte schreiben?
ich bin dabei, alles einfach zu machen
ich bin dabei, immer mehr mein ich loszulassen
ich lebe so, wie mir meine gedanken am liebsten sind
mit rückenwind
ich gehe jetzt puzzeln
und höre dabei ursula k le guin interviews
bitte lies weiter
ich bin noch nicht am ende
afk


ich habe handgelenksschmerzen
von cmd+t, cmd+v, cmd+t im liegen
ich habe lust alles aufzuschreiben
ich lebe darin am liebsten
ich habe so einen drang zu diesen einfachen worten
es wird langsam etwas einsam
und beunruhigend
egal
die erfahrung des schreibens
es wird etwas geschrieben von jemanden, der ich nicht bin
aber werde, wenn ich es geschrieben habe
also
du weißt nicht, wie es wird
du musst warten bis es vorbei ist
ich bin dort, wo wir eben die positionen getauscht haben
ok
der raum, in dem ich mich befinde
unsere wohnung
von außen betrachtet ist es unser haus
darin geräusche, zwei menschen, ein mysterium, zwei mysterien, essen
der raum, an dem ich mich befinde
die raumstadt
oder
die erfahrung der kontinuität
ich werde in eine alte frau verwandelt
ich bin auf der suche diesen zauber zu lösen
in einem wald werde ich in einen esel verwandelt
ich kann den zauber durch deine liebe lösen
ich bin wieder ich
jedes kind weiß, dass es immer ich war
woher wissen kinder, was sprache ist
bei dieser flut von input
ich habe als kind an die wiedergeburt geglaubt
weil ich nicht glauben konnte, dass man so viel weiß und kann
wenn man auf die welt kommt,
du auch, ich weiß

ohne titel [ich habe handgelenksschmerzen]


ich hatte einen sehr guten traum
ich habe von einem sehr nahem zweiten, bewohnten planeten geträumt
die erde ist sein mond
bei meiner ankunft taten mir die füße weh, wegen der g-kräfte
dort gab es chinesische restaurants, schnelles internet
es war warm und es roch nach lavendel
du warst dort
und alles war aus schönem beton
offen, es gab nichts, was ich umgehen musste
nichts musste ich meiden, nichts war umstellt
die einzige mauer ist kniehoch und ein museum
es gibt dort so viele gefühle wie personen
der himmel war unglaublich
ich habe ihn mit meinem iphone fotografiert
die erste siedlerin war eine frau
müssen wir erst einen zweiten planeten besiedeln, um frei zu sein?
ich erzähle dir von dem besiedelten planeten
ich stehe auf und mache k-pop an
ich glaube, ich habe überhaupt keine schlechten gefühle
jeder sperrt sich freiwillig in seine wohnung ein
sogar das nehme ich einfach hin
das wichtigste in einer wohnung ist die tür
das wichtigste in einer tasse die leere
während der kaffee die tasse wird
tanze ich noch zu den letzten fetzen meines traumes
jogger laufen rum
mich hat heute die hoffnung noch nicht verlassen
bruce lee hat sich beim gewichtheben verletzt
und bettlägerig begonnen laotse zu lesen
ich bringe dir den kaffee ans bett
du siehst so schön aus
wir müssen los, wir müssen raus

wir müssen nur noch einen schlammigen sumpf durchqueren
und ihn mit einer neuen geschlechtergrammatik wieder verlassen
ich weiß, so einfach ist es nicht, aber weißt du, was mir gerade klar wird?
man kann nach hause kommen, wenn zuhause ein ort ist
an dem man noch nie war

anarress und urras


ohne titel [ich bin sehr erschöpft davon in interessanten zeiten zu leben]

ich bin sehr erschöpft davon in interessanten zeiten zu leben
erinnerst du dich an die zeiten im urlaub mit deinen eltern am buffet
als sich der kapitalismus noch nach unwichtigem spaß angefühlt hat
seit 2012 habe ich ein iphone
seit 2020 trinke ich grünen tee
was ist das für ein weg, den ich da eingeschlagen habe?
wo ist meine post?
was ist in meinen gedichten unterrepräsentiert?
schreib es in die kommentare
die unbewohnbarkeit der erde
die bedeutungslosigkeit der unbewohnbarkeit der erde
im supermarkt sind die menschen noch besorgt
dass sie nicht genug zu essen haben
ich fantasiere, mich zu tode zu hungern
machst du witze?
weiß ich nicht, weiß ich nie
was in meinen gedichten nicht unterrepräsentiert ist:
tot in der demokratie
leben in der demokratie
die tage zuhause
der supermarkt
das nicht abgepackte gemüse
der u-bahn-griff
die küsse mit einem fremden
die geldübergabe im kiosk
die umarmung zwischen zwei freunden
gehen viral
wo finde ich den priester, der sich nicht der wissenschaft verschrieben hat?
wo finde ich den priester, der sich nicht für graphen interessiert?
so viele tage zuhause
leute antworten mir: ich raffe deine nachricht nicht


liebesgedicht für t.

du bist klug und zeigst es nicht
du spielst die spiele und lächelst
du weißt es und empörst dich nicht
du bist sanft
du hast es gelesen und sagst es nicht
du wirst die dinge, die du sagst und benutzt es nicht
du tust gutes und berichtest nicht davon
du bist klar
an dich halte ich mich


Interview

Was für eine Rolle spielt Kunst und Kultur in Zeiten von Corona und Ausgangssperre und was bedeutet es in dieser Zeit Künstler*in zu sein?

Die Rolle der Künstler*in jetzt, aber jedes Menschen, ist aufzupassen, dass man nicht in einen neuen Biedermeier verfällt – die Angst ist der stärkste Generator der Entmündigung. Man darf eine Kritik an den Verhältnissen jetzt nicht den Verschwörern, Querfrontlern oder anderen Irren überlassen. Jede muss jede Macht, die auf sie ausgeübt wird, auf ihre Legitimation überprüfen. Chomsky: Wird Licht auf die Oppression geworfen, schwindet sie.

Inwieweit musstest du deine Arbeit an die gegebenen Umstände anpassen oder dich einschränken?

Eigentlich wollte ich für den Korbinian-Verlag ein Liebesgedicht-Sammlung schreiben für Sommernächte im Park. Alle meine Texte, Essays, Prosa und Gedichte, entstehen aus dem Notieren. Ich schreibe ab. Die Textsendungen, die jetzt hier ankamen waren eindeutig: Krieg, Lockdown, Angst, heilige Wissenschaft. Da ich aber auch kein Quarantäne-Tagebuch schreiben wollte, habe ich einen Text gesucht/gefunden: das Daodejing von Laotse. Der Gedichtband ist nun eine Auseinandersetzung mit dem Tao und den Ideen des Anarchismus.