Mazlum Nergiz

Im Dezember 1986 erfuhr der britische Künstler Derek Jarman, dass er HIV positiv war. Acht Jahre später starb Derek Jarman, 52 Jahre alt, an einer durch AIDS verursachten Krankheit in London. Unmittelbar nach seiner Diagnose hatte er sich ein Stück Land gekauft, direkt am Meer in der südöstlichen gelegenen Grafschaft Kent. Dort errichtete und kultivierte er einen Garten. Sein Garten kannte keine Grenzen, keine Schutzwälle; alles in unmittelbarer Nähe wurde Teil dieses offenen Geländes, selbst dem benachbarten Atomkraftwerk rückte Jarmans Garten auf die Pelle, er wucherte ins Meer.

Jarmans Garten grenzte nicht ab, sondern potenzierte gerade die Idee, die in allen Gärten enthalten ist: die heilige Stätte, die uns Menschen vor der Raserei und dem Tumult der Welt, die uns umgibt, abschirmt. Jarman veränderte die Landschaft, in die er sich zurückgezogen hatte, mit Materialien, die er in genau dieser Landschaft vorfand —Treibholz, Steine, Relikte vergangener Kriege wie zum Beispiel Patronenhülsen— und ließ alles auf Pflanzen, Bäume und Blumen treffen. Unzählige Lebewesen bewohnten von nun an diesen kargen Ort wie der Virus seinen Körper. Jarmans Garten war Ausdruck einer Krise und zugleich Zustimmung. Er wusste, dass er gegen den Befall seines Körpers nichts mehr ausrichten konnte. Er legte einen Ort an, um seinem neuen, noch fremden Partner in sich selbst einen Raum zu geben. Er war der Wirt für den Virus, der Garten wiederum ließ Jarman Zeit, die er nicht mehr hatte, um zu trauern: „I live on borrowed time (…) The gardener digs in another time, without past or future, beginning or end“, schrieb er in sein Tagebuch. Er musste seine Zeit von nun an anders angehen, betrachten, verschwenden. Diese geliehene Zeit, die gleichzeitig eine geschenkte war, ließ Jarman 1990 einen zweiten Garten anlegen. Er lieh sich eine neue Zeit, die mit allem Vorgehendem brach. Es gab ein Leben vor dem Wissen um das Positivsein und eins danach. Er lieh sich, mit dem letzten was er hatte —die verbleibende und kontinuierlich schwindende Kraft, seine Hände, sein Augenlicht, seine Freunde— ein Geschenk, das ihn Zauberer und Entdecker zugleich sein ließ: Sprießen ließ er seinen verwunschen wirkenden Garten. Objekte und Pflanzen trafen sich, verbanden sich und bildeten neue Symbiosen. Bewohner wie Hasen und Motten überrumpelten ihn, er schenkte sich mit seiner verbleibenden Zeit Überraschungen, er schenkte sich auch einen zweiten Garten: The Garden, ein Film, den er 1990 drehte. The Garden ist eine exzessive Meditation über das Teilen und die Zerstörung, den Verlust und die Wut, den Moment und die Auflösung. Eine trauernde Landschaft von Bildern. Körper werden ausgepeitscht, aufgehangen, gesteinigt und von Kameras verfolgt. Absurde, fieberhafte Traumsequenzen springen zwischen Lust und Gewalt hin und her. Und wir sehen ihn, Derek Jarman selbst, wie er gärtnert. Bilder von Pilzen, Steinen, Schmetterlingen, Schnecken, Vögeln, Wolken und Mohn.

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Positiv werden

Kategorie: Literatur

In seinem literarischen Essay verwebt Mazlum Nergiz die Geschichten von Corona und AIDS und macht damit deutlich: die Krankheiten mögen unterschiedliche Verläufe haben, die Kraft, mit der sie die Gesellschaft beeinflussen und spalten können – vor allem in Hinsicht auf Angst, Egoismus und Diskriminierung – haben sie gemein. 

Die Ansteckungsgefahr von AIDS ist bis heute mit Stigma behaftet, das macht das Wegschauen leicht. Ein Virus, das aber jederzeit alle treffen und unbemerkt von Wirt zu Wirt wandern kann, versetzt alle in dieselbe Situation: ein potenzielles Positivsein. Nergiz’ Text illustriert das auf intelligente und einfühlsame Weise. Auf einmal sind alle verbunden. Er ist ein Apell an die Empathie, auch wenn sie erst retrospektiv kommt, und ans Hinschauen.

Das Essay erzählt die Geschichten von Künstler*Innen, die mit AIDS leben und sterben mussten. Zum Beispiel die von Derek Jarman, der nach seiner Diagnose einen Garten auf einem Atommüllbelasteten Gelände anlegte, der langsam die Umgebung eroberte. Ähnlich wie das Virus in seinem Körper nahmen die Pflanzen sich etwas, brachten aber gleichzeitig auch etwas Verlorenes zurück. Nergiz macht damit deutlich, dass es neben dem Traurigen, Zerstörerischen auch ein Potenzial für Neuerung gibt. Manchmal muss man aber erst einmal zurückschauen.


Artist

Mazlum Nergiz (*1991) ist Autor, Hörspielmacher und Dramaturg. Er hat in in Berlin, Weimar und Amsterdam Komparatistik und Medienkunst studiert. 2019 hat er den EDIT Essaypreis gewonnen. Im August 2020 kommt sein Hörspiel zu Sivan Ben Yishais PAPA LIEBT DICH zur Ursendung im Deutschlandradio Kultur.


Interview

Was für eine Rolle spielt Kunst und Kultur in Zeiten von Corona und Ausgangssperre und was bedeutet es in dieser Zeit Künstler*in zu sein?

Es geht doch eigentlich immer, aber jetzt insbesondere, um die Frage: Wie kann ich mich ins Verhältnis setzen? Zu Dir, zu mir, zur Geschichte, zu Euch, hoffentlich zu keinem Wir, aber auch mit anderen Lebewesen und Objekten. Gerade jetzt, wo in den meisten Fällen der einzige Mensch, mit denen wir eine Verbindung herstellen können, man selbst ist, ist diese Frage nach der Herstellung von Nähe und Distanz besonders relevant. Wie kann man mit sich selbst intim sein – im wörtlichen Sinn: dem Rand am fernsten, am weitesten innen? Diese Ketten, die uns trennen, verbinden, uns neu zusammensetzen lassen, die wir spüren aber nicht sehen, aufzuwickeln und in neuen endlosen Konfigurationen zu gestalten gilt es jetzt herzustellen. Die visuelle und sprachliche Rhetorik der Ideologien, die wir als normal betrachten, zu demaskieren, sich die Zeit dafür zu nehmen, zuzusehen, wie mit allen krampfhaften Mitteln wieder versucht wird, zur Normalität zurückzukehren, auf diese Verfahren aufmerksam zu machen — das kann die Kunst immer, aber insbesondere jetzt.

Inwieweit musstest du deine Arbeit an die gegebenen Umstände anpassen oder dich einschränken?

Zusammen mit dem Regisseur Nikolas Darnstädt würde ich mich jetzt in den Theaterproben für unsere Adaption von Oscar Wildes „Das Bildnis des Dorian Gray“ am Schauspiel Hannover befinden. So viele angefangene Notizen, Gedanken und Bilder, die wir ausprobieren wollten, liegen ungeboren in unseren Köpfen und der Fassung herum. Ansonsten schreibe und arbeite ich weiter an meinen Hörspielprojekten – zwar kann ich nicht in Radiostudios arbeiten, aber das Schreiben geht ja bekanntlich von Zuhause am besten und schnelle, dreckigere Aufnahmen mit Smartphones zu produzieren macht auch Spaß.

Wie sieht die Welt nach dem Lockdown aus, wird danach alles besser oder schlechter und warum?

Ich stelle mir die Welt ruhiger vor. Für einen kurzen Moment. Dann bricht der Noise des Weiter-so-Machens wie vorher wieder über uns ein. Weder besser noch schlechter, eher: die Welt ist verstört und verängstigt, voller Naivität und Lust, zu gestalten.

Was machst du als erstes, wenn sich die Situation wieder entspannt hat?

Küssen.