Fragmentiert

Shutdown 2020

Kategorie: Musik

Wie hört sich draußen an, wenn alle drin sind? Kann man das Gefühl der Leere einfangen? Und wie bewegt man sich dazu? Wenn alles verlassen ist, kann es jedenfalls schwer sein, sich zum Rausgehen zu motivieren. Um wenigstens einmal am Tag frische Luft zu schnappen, begann Fragmentiert, Field Recordings zu machen. Dabei kam ihm die Idee für Shutdown 2020: Aufnahmen von der Verlassenheit sonst belebter Orte, im Tonstudio modifiziert, sodass sie auch auf der Tanzfläche gespielt werden können. Herausgekommen sind drei treibende Tracks, Darkness, Shutdown und New World, die trotzdem eine Atmosphäre des Vakuums umgibt. Ob man nun dazu tanzt oder sich ganz dem Gefühl der verlassenen Stadt hingibt, das Erlebnis ist alles andere als leer.


Bald wird es dazu ein Live Set beim Radio 80000 geben.
Weitere Infos gibt es dazu in den nächsten Tagen.


Artist

Fragmentiert (*1989) studiert Tontechnik an der Deutschen Pop. Er ist als Liveact und Organizer Teil der Ableton User Group in Leipzig und hat als Producer bei Connwax und Nebula veröffentlicht. Er arbeitet außerdem als Grafiker.  

Interview

Was für eine Rolle spielt Kunst und Kultur in Zeiten von Corona und Ausgangssperre und was bedeutet es in dieser Zeit Künstler*in zu sein?

Künstler*innen und Kulturstätten stehen vor einer nie dagewesenen finanziellen und inhaltlichen Leere. Erst einmal ist das ein Schock, es kommt dann aber auch der Tatendrang – wir sehen das an Initiativen wie United We Stream, Webinaren und digitalen Museums-Führungen. So neu, digital und interessant die Umlegung des analogen Erlebnis ins digitale zuerst sein mag, spürt man doch gleich, wie sehr man es vermisst, “wirklich” dabei zu sein. Für mich als Tontechnikstudi und Liveact bedeutet Corona, von meiner Internetverbindung abhängig zu sein, um zu kommunizieren, um mich auszutauschen und Feedback von anderen zu bekommen. Wobei ich zugeben muss: Es funktioniert besser, als gedacht. Viele Menschen haben Zeit, wollen “dranbleiben”, an ihrer Musik, an ihrer Kunst und sehnen den Tag herbei, an dem wir wieder zu Ausstellungen, ins Museum, in Clubs und ins Kino gehen können, ohne komisches Gefühl, ohne Maske und ohne Ängste. Das verbindet.

Inwieweit musstest du deine Arbeit an die gegebenen Umstände anpassen oder dich einschränken?

Zu Beginn des Shutdowns war meine Arbeit als Veranstalter bzw. Liveact stark eingeschränkt. Eine Veranstaltung (Vektor), die am 4.4. im Institut fuer Zukunft in Leipzig stattgefunden hätte, musste verschoben werden. Da diese Veranstaltung von der Beauftragten für Kultur und Medien gefördert wird, arbeiten wir als Team jetzt weiter daran, die Veranstaltung noch dieses Jahr nachholen zu können – zu einem späteren Zeitpunkt und mit einem digitalen Back-Up-Konzept. Die Veranstaltung auszusetzen und sich um die Abwicklung der bisherigen Kosten und um die Kommunikation mit allen Künstler*innen und unseren Mit-Partner*innen zu kümmern, war erst einmal willkommene Ablenkung. Als dann unsere bestellten Plakate geliefert wurden, kam doch auch Frustration. Die danach wieder von Tatendrang und auch einem Stückweit der Verantwortung abgelöst wurde, die Arbeit daran wieder aufzunehmen und weiterzumachen, da wir tolle Künstler*innen eingeladen hatten bzw. haben, die unbedingt gehört und gesehen werden müssen.

Wie sieht die Welt nach dem Lockdown aus, wird danach alles besser oder schlechter und warum?

Meinem Gefühl nach wird im Kultursektor nichts mehr sein, wie es einmal war. Das kann man verzweifelt auffassen – also, dass Clubs schließen müssen, dass sich Kulturschaffende von Politiker*innen und den (vermeintlichen) Sofort-Hilfen allein gelassen fühlen (und das mitunter auch werden), dass die Gesellschaft noch distanzierter im Umgang ist. Es kann aber auch der Roll-Over sein, den es braucht, neue Wege zu gehen, Neues entstehen zu lassen, Freiheit zu leben und Kunst und Kultur wieder echte Bedeutung (und finanzielle Wertschätzung) beizumessen. Im Wort Krise steckt das Wort Entscheidung. Ich denke, wir alle entscheiden mit, wie es danach wird. Wer sich jetzt also sensibel und solidarisch verhält, trägt dazu bei, dass es nach dem Shutdown sogar besser aussehen könnte.