Kevin Wickertsheim

Wer ein musikalisches Gefühl für die letzten zwei Monate bekommen möchte, sollte sich diese Tracks von Kevin Wickertsheim aka Wice anhören. 4 Minutes Of… sind Sample-basierte Momentaufnahmen aus unserem neuen Alltag: Die anfängliche Unruhe im Supermarkt und die Vewirrung der Kunden zum Beispiel, die man durch verschiedene Musikfragmente spüren kann (4 Minutes of Distracted People). Oder die alles einnehmende Monotonie, die teilweise durchaus auch eine sehr belebende und inspirierende Seite hat (4 Minutes of Monotony). Letztere hat auch bei Wickertsheim einen Schaffensdruck gelöst und das produzieren dieser und vieler weiterer Tracks möglich gemacht.

Sollte trotzdem einmal innere Ruhe nötig sein, ist Levitate der Zufluchtsort, an den Hörer*Innen jederzeit zurückkehren können. Er ist unter anderem aus Aufnahmen einer chinesischen Klangschale und den indischen Zimbeln seiner Freundin entstanden.

4 minutes of… & Levitate

Kategorie: Musik

„Mit Levitate schmelzt der Leipziger Kevin Wickertsheim Covid-19 in ein waberndes, beruhigendes wie auch beklemmendes never ending Loch, welches auf seine Art den Gemütszustand dieser Wochen eindringlich erzählt.“ – Juror Sven Michelson

Artist

Kevin Wickertsheim (*1990) begann mit 17 damit, elektronische Musik zu produzieren und aufzulegen. Seitdem hat er sein komplettes Schaffen auf Musik ausgelegt und gewann 2017 den Raving Spoon für Just Kiddin – auch einer der meistgespielten Tracks im Berghain. Er lebt und arbeitet in Leipzig.

Interview

Inwieweit musstest du deine Arbeit an die gegebenen Umstände anpassen oder dich einschränken?

Da ich nicht so gut im Social-Media-Marketing bin und sich dadurch trotz gewonnenem goldenen ‘Raving Spoon’ und einem der meistgespielten Tracks im Berliner Berghain 2017 kaum Gigs (abgesehen vom Tresor 2018 in Berlin) aufgetan haben, änderte sich Gig-Technisch nicht viel. Ich war auch schon immer die letzten 13 Jahre rund zwei Mal die Woche im Studio um neue Musik zu schreiben (da wie erwähnt das Ganze eine sehr effektive Art der Selbsttherapie für mich darstellt und das für meine persönliche Entwicklung und mentale Gesundheit sehr wichtig ist). Also hat sich dahingehend nicht wirklich viel verändert. Dennoch schätze ich es sehr, dass ich kreative Impulse sehr spontan umsetzen kann und nicht erst warten muss, bis der Arbeitstag (und ich liebe meine Arbeit bei Greenpeace) vorbei ist oder eben Wochenende ist. Auch der persönliche Druck nach meinem international überragend rezipierten Stück von 2017 “Just Kiddin'” ist wie verflogen. Vor 2017 lehnte ich mich normalerweise bevor ich anfing Musik zu schreiben grundsätzlich zurück und hörte in mich hinein, wohin es mich treibt bzw. was ich gerne zum Ausdruck bringen möchte. Nach diesem Erfolg, der übrigens meine erste offizielle Schallplattenveröffentlichung war, fiel es mir immer schwerer unvoreingenommen ins Studio zu gehen. Fragen die sich stellten, waren: ‘Wie kannst du an den Erfolg anknüpfen?’, ‘Wie machst du etwas, das im Club funktioniert?’, ‘Komm schon, kannst du nicht, ohne in dich hinein zu hören. etwas für die Tanzfläche produzieren?’. Das hat mich einige Zeit so sehr unterbewusst und auch bewusst negativ beeinflusst, sodass ich eine lange Trockenphase erfahren musste, die ich 10 Jahre lang so nicht kannte. Dies führte dazu, dass ich auch immer weniger Lust hatte, Musik zu hören, woraus resultierte, dass ich einfach noch weniger Musik kreieren konnte. Durch meinen Umzug von Tübingen nach Leipzig besserte sich das alles extrem, jedoch muss ich sagen, dass mein Output und die Musik die ich schreibe mir seit Jahren nicht mehr so gut gefiel, wie nun zu Zeiten von Sars-Cov-2 bzw. Covid-19. Der ganze Druck, Musik für den Dancefloor zu machen, scheint wie verflogen, wodurch einige super starke Dancefloornummern entstanden (ohne dass ich das Gefühl hatte, derartiges Schreiben zu müssen), aber auch vieles anderes, wie z.B. das Projekt, das ich euch hier beim ‘Open Call’ vorstelle. Es geht darum 4 Minuten als Momentaufnahme einer Situation während der Krise zu speichern und diese sample-basiert und musikalisch wiederzugeben. Um die Frage also konkret zu beantworten, muss ich sagen, dass ich mich selbst weniger einschränken musste, sondern das Ganze mittlerweile aktiv als Chance betrachte, den angestauten Druck rauszulassen und endlich wieder sagen (nicht fragen) zu können: ‘Cool, lehn’ dich zurück und mach einfach, wonach dir ist!’

Wie sieht die Welt nach dem Lockdown aus, wird danach alles besser oder schlechter und warum?

Wie sieht die Welt nach dem Lockdown aus? Mhm… Das ist eine Frage die, so denke ich, niemand wirklich beantworten kann. Weil ich bei Greenpeace arbeite und einen kleinen Sohn bekomme, versuche ich das alles positiv zu sehen und meinen Geist dahingehend auszuschmücken. Persönlich denke ich, dass das eine entschleunigende Phase ist, wie sie vielleicht schon viel früher von Nöten gewesen wäre und eigentlich in regelmäßigen Abständen hätte passieren müssen. Nicht, weil es schön ist, die Menschen zwingend an ihr zu Hause zu binden, sondern um ihnen die Möglichkeit zu geben, sich auf sich selbst zu besinnen Schöner wäre es natürlich, wenn sich das Ganze aus der Menschheit selbst heraus entwickelt hätte, ohne dass wir erst durch so so eine Katastrophe dazu gezwungen werden müssten. Ich merke, zumindest in meinem Umfeld – egal ob stärker oder weniger stark betroffen – dass die Menschen diese Zeit größtenteils genau zu o.g. Punkten produktiv nutzen – Sich (auf sich) selbst zu reflektieren, Dinge, Systeme und Verhaltensweisen/Motivationen zu hinterfragen. Dadurch, dass man sich jedoch i.d.R. mit Menschen umgibt, die einem ähnlich(er) sind bzw. deren Einstellungen bzw. Wert- und Normvorstellungen man selbst gerne vertritt, ist meine Hoffnung nur eine sehr subjektive. Dennoch glaube ich fest daran, dass die durch die Corona-Krise entstandenen und validierbaren Daten in Bezug auf den menschengemachten Klimawandel, den Bezug zur Arbeit (und Homeoffice) usw. einen sehr positiven Einfluss auf aktuelle und kommende Entwicklungen haben können. Ich möchte lieber einen Wunsch äußern anstatt eine Prognose abzugeben: ‘Ich wünsche mir, dass die Corona-Krise ein Warnschuss ist, der die Menschheit wachrüttelt, ihr zeigt worauf es wirklich ankommt. Dass es nicht wichtig ist, wie viel Geld man gehortet hat oder was man in 30 Jahren ist (oder zu sein scheint) und v.a., dass nicht der Dax bzw. der DowJones das Maß aller Dinge ist, sondern, dass es die wichtigen Menschen, die im Gesundheitssystem oder in der Grocery-Sektion (u.a.) arbeiten zu schätzen gilt, genau wie jedes andere Lebewesen, mit dem wir uns konfrontiert sehen. Dass man grundsätzlich zusammen mehr erreichen kann, als wenn jeder für sich selbst arbeitet und dass der Wert eines*einer Künstler*in sich nicht an dessen*deren Instagram-Scheiße misst, sondern an dem kreativen Output den er*sie zur Verfügung stellt, der Zeit, der Passion und dem Committment, welches dahinter steht.

Was machst du als erstes, wenn sich die Situation wieder entspannt hat?

Meine Familie mit unserem Kind besuchen und sofern es die Situation hergibt: Einen der ersten Raves mitnehmen (oder selbst bespielen). Denn wenn ich eine Zeitmaschine hätte, würde ich mich seit Jahren in den Berliner Tresor ’91 teleportieren, nur um dieses friedliche und ekstatische Moment des Beisammenseins ohne Vorurteile (auch wenn diese jeder von uns, bewusst oder unbewusst in sich trägt) tänzerisch mitzuerleben. Für mich das perfekte Beispiel einer Welt ohne Grenzen. Ich denke, nach der Krise ist ein Rave dieser Art nicht unwahrscheinlich.